Am spannendsten finde ich auf dieser Reise immer Länder, die sich hartnäckig weigern, dem Bild zu entsprechen, das ich von ihnen hatte. Paradebeispiel: Ungarn. Bis vor kurzem fiel mir zu diesem Land nur ein wilder Mix aus Ostblock-Flair, Viktor Orbán und Csárdásfürstin ein. Da haben Menschen schon von weniger Alpträume bekommen.

Es kam zum Glück sehr anders.

„Ostblock“ kann man schon mal völlig vergessen, denn damit haben die Ungarn nichts zu tun. Hier ist „Zentraleuropa“! Lieblingsfarbe: bunt! Kein Wunder, dass das Nationalgewürz tiefroter Paprika ist und nicht, was weiß ich, Mehl. Wenn man gerade aus Tschechien kommt (Teil 10 der EuropaTour: http://bit.ly/2tsBuiw), erwischt man sich deshalb teilweise bei ebenso rührenden wie albernen Ausrufen wie: „Hurra! Sie haben bunte Häuser!“ Ich hab halt ein schlichtes Gemüt.

Vor lauter Freude über all das Bunte und Leckere haben wir sogar unseren Aufenthalt am Plattensee noch kräftig ausgedehnt. Und das trotz deutscher Nachbarn, die einem mit Sätzen wie „Hier sind ja nur noch Ungarn aufm Platz. Na ja, ich hab nix gegen die, solange sie sich benehmen!“ immer wieder ein ungläubiges Staunen ins Gesicht zaubern. Irgendwann ging’s aber nicht mehr. Denn spätestens als die miesepetrige Nachbarin, die den ganzen Tag muffelig mit einem regenbogenfarbenen Regenschirm-Hut-Hybrid auf dem Kopf vor ihrem Wohnmobil Liebfrauenmilch süffelte und kein Wort mit uns sprach, abends plötzlich und ohne jede Vorwarnung aufstand und zu meinem Mann und mir wankte, um uns zu sagen, was für eine himmelschreiende Material-Verschwendung es doch sei, dass wir schwul sind, hörte ich in meinem Kopf ein leises „Time to say goodbye“.

Eurem Tipp folgend bin ich vorher aber noch nach Tihany, was eine sehr gute Idee war. Allerdings mit dem Fahrrad samt Zelt, Gepäck, Hund und Hundeanhänger, was eine sehr schlechte Idee war. Merke: Wenn du dich schon 60 Kilometer gegen den Wind mit rund 20 zusätzlichen Kilos an der Hacke abgestrampelt hast und dann merkst, dass dein Zielort die Stadt da am Horizont auf dem einzigen verdammten Hügel weit und breit ist, dann kann die Gesichtsfarbe schon mal in ein brenzliges Gulasch-Rot übergehen. “Ja, warum fährste auch mitm Rad? Du hast doch ein Wohnmobil?“, könnte man da fragen. Aber, Merke Teil II: davon wird die Gulaschröte auch nicht besser.

Mittlerweile sind wir in Pécs, laut Reiseführer die zweitschönste Stadt Ungarns, im Südwesten des Landes. Römer, Türken, Habsburger – Diese Stadt hat so oft den Besitzer gewechselt, dass die Pécser vermutlich heute noch morgens aufstehen und fragen: „Schatz, hilf mir mal: Wer ist grade dran mit Herrschen“? Hier gibt es Kirchen, die auf Moscheen gebaut sind, die wiederum aus Steinen alter Kirchen errichtet wurden, die auf Überresten römischer Friedhöfe standen. Es ist eine Art „Der grüne Punkt“ für Sakralbauten.

Noch mal kurz zur Politik: Orbán und seine fremdenfeindlichen Freunde gibt es natürlich wirklich, als Deutscher bekommt man davon aber nichts mit. Als Niederländer auch nicht, wie mir der holländische Besitzer eines Campingplatzes erzählte. Seine Frau, die aus Afrika stammt, hat da schon mehr mit zu kämpfen, kennt das aber schon aus den Niederlanden. Am schlimmsten erwischt hat es aber die Tochter der beiden. Die wurde in Ungarn ständig Opfer von Anfeindungen, aber nicht etwa, weil sie eine afrikanische Mutter hat, sondern – jetzt wird’s richtig bizarr – weil sie aufgrund ihrer etwas dunkleren Haut hier für eine Romafrau gehalten wird. Ich frage mich ja, ob Rassisten bei all dem absurden Hass manchmal wenigstens selbst ein bisschen durcheinander kommen.

Eine Bitte noch zum Schluss: Falls ich jemals so richtig berühmt werde, möchte ich nach meinem Tod bitte auf keinen Fall eine Statue von dem Künstler bekommen, der die Franz Liszt-Statue in Pécs gestaltet hat (siehe Foto). Aus 100 Kilo Altmetall und ein bisschen Alufolie kann man doch bestimmt auch was Schöneres machen. Besten Dank.

P.S.: Nächster Halt: Budapest! Denn wer kommt da her? Genau: Die Csárdásfürstin.